Waa cadowgaygii?

Niemals werde ich jenen tragischen Tag in Durban, Südafrika, vergessen. Ich war 13 Jahre alt und spielte im Vorgarten an einem schönen sonnigen Tag voller Glückseligkeit Fangen mit meinen Brüdern, Schwestern und Freunden, als meine Mutter die Familie nach drinnen rief. Die Tränen rannen ihr über das Gesicht, während sie einen Zeitungsartikel in der Hand hielt, der vom tragischen Tod meines Vaters in Ostafrika berichtete.

Die Umstände seines Todes waren mit einigen Fragezeichen behaftet. Trotzdem schien alles darauf hinzudeuten, dass er Opfer des Mao Mao Krieges wurde, der von 1952 bis 1960 stattfand und der sich gegen die Kolonialherrschaft Kenias richtete. Die aktivste Gruppe der kriegerischen Auseinandersetzung gingen von den Kikuyu aus, der grösste Volksstamm Kenias. Auch wenn die Auseinandersetzungen vor allem gegen die britische Kolonialmacht und weisse Siedler gerichtet waren, gab es auch gewalttätige Ausschreitungen zwischen den Mao Mao und den loyalen Afrikanern. Mein Vater war zu dieser Zeit ein Major in einem kenianischen Regiment und spielte eine wichtige Rolle im Krieg und stand deshalb auf der Abschussliste. Ich war emotional verzweifelt, verwirrt und sehr aufgewühlt als junger Teenager. Das einzige, was mir bewusst war, war der Verlust meines geliebten Vaters. Dieses war kurz nach dem Ende des Krieges. Er hatte geplant, in wenigen Monaten zu uns nach Südafrika zu ziehen. Ich hatte zu dieser Zeit den genauen Grund für den Krieg nicht verstanden und wusste nur, dass mein Vater gegen eine Terroristen-Organisation kämpfte. Sie war der Feind, durch den viele unserer Freunde ihr Leben verloren hatten!

Wir mussten nicht nur mit dem traumatischen Verlust zurecht kommen, sondern waren auch mit der Tatsache konfrontiert, dass wir ein Leben in grosser Armut vor uns haben könnten, weil sich die staatlichen Autoritäten weigerten, uns den Wert unseres Grundstücks in Ostafrika auszuzahlen. Meine Mutter stand daraufhin vor der Herausforderung, eine Arbeit zu finden und fünf schulpflichtige Kinder zu erziehen und mit einem mageren Gehalt zu versorgen. Trotzdem blieb ich in den folgenden Jahren meinem christlichen Glauben treu und schürte keine Wut oder Hass gegen die Menschen, die für den schrecklichen Tod meines Vaters verantwortlich waren.

Kein anderer Weg

Die Worte, die Jesus sprach, als er am Kreuz hing, jene Menschen anschaute, die ihn angeprangert, verhöhnt, ausgepeitscht, ans Kreuz genagelt hatten und mit ansahen, wie er unter Todesqualen starb, trösteten mich in meinem Schmerz: „ Vater, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“
Die Kreuzigung von Jesus wurde von den selbstgerechten, religiösen Leitern dieser Zeit, den Schriftgelehrten und Pharisäern, die in ihrer eigenen Welt von Politik, Autorität und Selbstgefälligkeit eingehüllt waren, angezettelt. In dieser Welt sind sie aufgewachsen und sie waren tief in ihrer eigenen Psyche und den kulturellen Traditionen ihrer Zeit verankert. Die Botschaft, die Jesus verkündigte, stellte eine ernsthafte Gefahr für das Fortbestehen dieser Welt dar. Deshalb schmiedeten sie den Plan, ihn vor Gericht zu bringen und zu kreuzigen. Es war zwar völlig falsch so zu handeln, aber sie sahen keinen anderen Weg.


Die römischen Soldaten waren Teil einer anderen Welt, Teil einer imperialistischen Herrschaft. Sie haben einfach nur Anweisungen ihrer Vorgesetzten befolgt, wie es jeder andere treue Soldat gemacht hätte. Sie sahen keinen anderen Weg.

Auch ich musste mich der wahren Hintergründe stellen: die Mao Mao Rebellen waren in einem boshaften Krieg, bei dem es ums Überleben ging, gefangen. Ihre eigene Freiheit wurde beeinträchtigt. Sie wuchsen in dem Glauben an ihre Sache auf und wählten den Weg der Gewalt, um die Freiheit zu sichern. Sie sahen keinen anderen Weg. Viele Jahre später, 1997, war ich eingeladen, als Gastredner auf einer Versammlung in der Nähe von Kibirichia in der östlichen Meruregion Kenias aufzutreten. Das war eine spannende Möglichkeit meine Wurzeln zu erkunden und meiner Frau und meinen Kindern die Ehrfurcht gebietende Natur Kenias zu zeigen und sie waren darüber sehr erfreut.

In meiner Eröffnungsrede sprach ich von der Kindheit, die ich in diesem schönen Land genoss, aber erzählte nichts von den Schattenseiten des Krieges und dem Tod meines Vaters. Kurz nach meinem Auftritt kam ein grauhaariger älterer Herr an einer Krücke laufend und mit einem grossen Lachen auf dem Gesicht, zu mir. Umgeben von einer begeisterten Gruppe von etwa acht Enkelkindern, bat er mich, mich zu setzen, weil er mir etwas erzählen wollte.

Daraufhin folgte ein berührender Moment einer unerwarteten Überraschung. Er sprach ganz offen vom Krieg und wie er als Mitglied der Kikuju in einem schrecklichen Kampf war. Ich hörte von der anderen Seite des Konfliktes. Er erzählte, dass er Teil einer Bewegung war, die frei leben und in den Ländereien, die ihnen weggenommen wurden, arbeiten wollte. Traurigerweise verloren er und viele tausend andere, geliebte Menschen, auch Frauen und Kinder. Dieser warmherzige christliche Herr sah mich dann mit von Liebe gefüllten Augen an und sagte, „Der Verlust Ihres Vaters tut mir sehr leid.“ Es fiel mir schwer die Tränen zu unterdrücken. Hier waren wir und unterhielten uns als Christen ein paar Jahrzehnte später, nachdem wir zuvor auf gegnerischen Seiten in einem der grausamsten Kriege Kenias waren, auch wenn ich nur ein naives Kind während der Zeit des Konfliktes war.

Wir waren sofort in tiefer Freundschaft verbunden. Auch wenn ich den Menschen, die für den Tod meines Vaters verantwortlich waren, nie mit Bitterkeit begegnet bin, verspürte ich eine tiefe Versöhnung mit der Geschichte. Philipperbrief 4,7 kam mir dann in den Sinn: „ Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Die Liebe, der Friede und die Gnade Gottes vereinte uns im Einssein in seiner Gegenwart. Unsere Wurzeln in Christus brachten uns Heilung und durchbrachen dadurch den Kreislauf von Schmerz, in dem wir Zeit unseres Lebens verbracht hatten. Ein unbeschreibliches Gefühl von Erleichterung und Befreiung erfüllte uns. Die Art und Weise, in der Gott uns zusammen gebracht hat, spiegelt die Sinnlosigkeit des Krieges, Konflikts und der Feinseligkeit wieder. In den meisten Fällen hatte keine der beiden Seiten wirklich gewonnen. Es bricht einem das Herz zu sehen, wie Christen gegen Christen im Namen ihrer jeweiligen Sache sich bekämpfen. In Zeiten des Krieges beten beide Seiten zu Gott und bitten ihn, sich auf ihre Seite zu stellen und in Zeiten von Frieden sind die gleichen Christen höchstwahrscheinlich miteinander befreundet.

Lernen loszulassen

Diese lebensverändernde Begegnung half mir dabei, die Bibelverse, die von der Feindesliebe sprechen, besser zu verstehen (Lk 6,27-36). Abgesehen von einer Kriegssituation, erfordert es auch die Frage, wer unser Feind und Gegner ist? Wie sieht es aus mit den Leuten, denen wir jeden Tag begegnen? Schüren wir Hass und Abneigung gegen andere? Vielleicht gegen den Vorgesetzten, mit dem wir nicht zurechtkommen? Vielleicht gegen den vertrauten Freund, der uns tief verletzt hat? Vielleicht gegen den Nachbarn, mit dem wir im Streit liegen?

Der Text aus Lukas verbietet falsches Verhalten nicht. Vielmehr geht es darum, das grosse Ganze im Blick zu behalten, indem wir Vergebung, Gnade, Güte und Versöhnung ausüben und zu dem Menschen werden, zu dem Christus uns beruft. Es geht darum zu lernen, so zu lieben, wie Gott liebt, indem wir als Christen reifen und wachsen. Verbitterung und Ablehnung können uns leicht gefangen nehmen und Kontrolle über uns ausüben. Lernen loszulassen, indem wir die Umstände, die wir nicht kontrollieren und beeinflussen können, in die Hand Gottes geben, machen den wahren Unterschied. In Johannes 8,31-32 ermutigt uns Jesus, auf seine Worte zu hören und entsprechend zu handeln: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.” Das ist der Schlüssel zur Freiheit in seiner Liebe.

von Robert Klynsmith


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